Warum jeder mit Dispositionen arbeiten sollte

Warum jeder mit Dispositionen arbeiten sollte

Eine Disposition (auch "Call Sheet") ist eine der essentiellen Unterlagen für Dreharbeiten. Dieser Artikel beschreibt die Vorzüge einer Disposition und warum jeder, egal wie aufwändig der Dreh ist, diese davor anfertigen sollte. Am Ende des Artikels habe ich noch zwei Links für kostenlose Vorlagen angeheftet. 

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 Immer wieder bringe ich im Artikel Beispiele an. Diese sind kursiv geschrieben und können übersprungen werden, ohne das sich dies auf die Verständlichkeit auswirkt. 

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Am Anfang war die Pre-Production

Viele stöhnen auf wenn sie das Wort "Disposition" hören. Man verbindet damit Schreibtischarbeit, Kopfschmerzen und am Ende wird am Set eh alles umgeworfen und die Dispo ist hinfällig. Also verurteilen die meisten eine Dispo als unsinnig, Zeit- und Geldverschwendung und konzentrieren sich lieber auf andere Dinge. Zu ihrer Entlastung sei gesagt, dass öfters eine Dispo am Dreh umgeschmissen wird, sei es wetterbedingt, Ausfall von Darstellern oder ein einfacher Zeitverzug. Doch sollte eine dieser Komplikationen auftreten, hilft auch eine nicht mehr stimmige Dispo den weiteren Drehablauf massiv zu verbessern. Doch zuerst schauen wir uns an, wie und wozu Dispo entwickelt wurden und was da so drinnen steht. 

 

Die Disposition für einen Drehtag für "James Bond: Quantum of Solace"

 

 

Der Drehtag auf einem Blatt Papier  

So ziemlich jede Dispo, die professionell gefertigt wurde, liest sich annähernd gleich. Und das ist auch einer der großen Vorteile. Egal wer wann ans Set kommt und eine Dispo in die Hand gedrückt bekommt, kennt sich nach nur einer Minute mit dem kompletten Ablauf des Drehtages aus.      
 

Seit drei Tagen drehst du einen großen Werbespot für eine Autofirma und morgen ist der letzte Drehtag. Nachdem du heute Abend im Hotel angekommen bist, ruft dich dein Aufnahmeleiter (oder: Produktionsassistent) an und teilt dir mit, dass er sich auf dem Weg nach Hause den Fuss verstaucht hat und deswegen morgen nicht arbeiten kann. Da du selber als Regisseur (oder: Kameramann) am Dreh arbeitest, kannst du seine Aufgaben nicht übernehmen. Wohl oder übel musst du diese Position für morgen neu besetzen. Schließlich hast du einen Ersatz gefunden und musst ihm den Dreh erklären. Du bittest deinen Aufnahmeleiter deinem Ersatz die Dispositionen zu schicken. Über Nacht hat dieser nun die Chance sich ein Bild über den Dreh zu machen und kann am nächsten Tag den Job nahtlos übernehmen. 

Somit liegt einer der größten Vorteile von Dispositionen klar auf dem Tisch. Sie sorgt für eine reibungslose Verständigung über den Ablauf eines Drehtages und ist umfassend aber verständlich, sowohl für den Setrunner als auch für den Produzenten. Aus diesem Grund hängen an den zentralen Stellen des Sets (Verpflegung, Technik, usw) meistens die Dispositionen aus. 

Ein weiterer, sehr wichtiger Vorteil ist die genaue Festhaltung des Zeitplans.                  Grundsätzlich stehen folgende Zeiten in einer Disposition:                                                                            

  1. Call Time (Wann jedes Crewmitglied spätestens drehbereit am Set sein muss)
  2. Arrive (Wann die einzelnen Schauspieler ankommen)
  3. Make-up Time (Falls vorhanden: Wann jeder Schauspieler wie lange in die Maske geht)
  4. Run-Down Schedule (Wann wo welche Szene mit wem wie gedreht wird)
  5. Specific Time (z.B Proben, Mittagspause, Transport, usw) 
  6. Sonnenaufgang- und untergang 

Auch hier sieht man den Vorteil sofort. Jedes Crewmitglied und jeder Schauspieler (auch wenn diese nur selten eine Dispo in die Hände bekommen) weiß sofort, welche Szene mit welchen Schauspieler um wie viel Uhr an welchem Ort gedreht wird, wann Mittagspause ist und welche Szenen heute überhaupt gedreht werden. Dadurch gibt es weniger Überraschungen am Set und jedes Crewmitglied kann sich optimal auf die nächste Szene vorbereiten. 

Jetzt haben wir aber erst den Grundstein gelegt, denn ein gute Disposition besteht aus sehr viel mehr. Die drei wichtigsten Bausteine sind: Zeitplanung, Personen und Details. Um die Infos zu verdeutlichen, markiere ich die entsprechenden Bereiche auf oben gezeigter James-Bond Disposition. 

Zeitplanung (Run-Down Schedule)

Run-Down Schedule.jpg

Die Zeitplanung (oder: Run-Down Schedule) ist mit akribischer Genauigkeit zu schreiben, da diese alle Eventualitäten und Umbauten mit einplant. Die Formatierung für die Zeitplanung ist meistens genormt. Die erste Spalte gibt die Szenen oder bei großen Produktionen, die am Tag meist nur eine Szene drehen, die Take-Nummer an. Die zweite Spalte gibt den Namen des Schauspielers und die dritte die des Charakters an. Die vierte Spalte ist für größere Produktionen gedacht, da hier beschrieben wird, an welchem Ort sich der Schauspieler aufhält (Wohnwagen, Studio, usw). Auch die fünfte Spalte (um wie viel Uhr der Schauspieler abgeholt wird) ist für kleinere Produktionen meist nicht notwendig. Bedeutend wichtiger sind Spalte sechs und sieben. Hier wird festgehalten, wann der Schauspieler in die Maske und Kostümabteilung geht. Spalte acht, das sogenannte Line-Up, ist die Vorbesprechung des Schauspielers mit dem Regiestab. Die letzten beiden Spalten zeigen den Drehbeginn und spezielle Notizen dazu an. Allein in dieser Tabelle stehen 65% der wichtigsten Angaben einer Disposition. Bei kleineren Produktionen wird die Tabelle öfters ein bisschen anderes genutzt. Dazu gehe ich weiter unten noch einmal genauer darauf ein. 

 

Personen

2.png

Auf der Dispo wird das wichtigste Crewpersonal mit Position und Mobilnummer angegeben. Ausnahme hierfür sind Starregisseure und Produzenten, dessen Kontaktinformationen geheim bleiben.  Im oben gezeigten Call Sheet von James Bond sind es von Regisseur über Location Manager bis hin zum Transportleiter. Da diese, mit Ausnahme vom Ersten, meist nur bei großen Filmsets besetzt sind, sind bei kleineren Produktionen nur die "glorious five" angegeben: Produzent, Aufnahmeleiter, Regisseur, Kameramann und Regieassistent. 

 

Details 

details.jpg

Die Details sind eine Sache für sich, denn diese können und werden immer woanders auf den Dispositionen stehen. Grundsätzlich gilt: Je kleiner die Produktion, desto mehr Details stehen auf der Dispo, denn bei großen gibt es ausführliche Kostüm- und Requisitenlisten für die jeweiligen Departmentmitglieder.  Details werden für jede Tagesdispo neu geschrieben. Folgende gehören auf jede Disposition:

  1. Sonnenuntergang und Sonnenaufgang
  2. Adresse der Location
  3. Pausenzeiten
  4. Adresse des Produktionsbüros
  5. Ansprechpartner für allgemeine Fragen 

 

Bei kleineren Produktionen haben sich zusätzlich diese bewiesen: 

  1. Kamerasystem 
  2. Rigging (also z.B Slider, Kran, Steadycam, usw. )
  3. Requisiten
  4. Adresse der nächsten medizinischen Einrichtung
  5. Kostüm 

Und eines sollte man jedes Mal beachten: Immer Platz für Notizen lassen. So kannst du auch nach dem Ausdrucken noch Änderungen vornehmen. Und als pdf-Export kannst du deine Dispo auch ohne Zettelwust am Set mit deinem Tablet und Handy mitnehmen. 

Gut für Hollywood. Und was bringt das jetzt mir?

Das alles klingt sehr zeitaufwendig und überdimensioniert für deinen Dreh? Jein! Natürlich sind manche Bereiche davon viel zu überladen für ein kleines Projekt. Aber um brauchbare Dispositionen schreiben zu können, muss man sie erst einmal verstehen. Und um das zu verstehen lernt man am besten von den Profis. Doch jetzt beschäftigen wir uns damit, wie Disposition auf kleinen, u.U Tagesprojekte helfen. Zu allererst einmal: Niemand erwartet von dir dass du mit einer Dispo à la James Bond anrückst. Dafür habe ich unten eine Blankovorlage, die mit Numbers, Excel oder openOffice funktioniert. Diese kannst du einfach ausfüllen, ohne die umständliche Formatierung erstellen zu müssen, und easy ergänzen und kürzen. Außerdem ist bei dieser Vorlage ein Bereich mit "Advanced Schedule". Hier wird der Run-time Schedule des nächsten Drehtages eingefügt. Somit sind auch alle geplanten Szenen des nächsten Tages sofort zu überfliegen. Zusätzlich ist bei jeder Szene auch Platz für eine Beschreibung des Takes. 

Auch bei Imagefilmen, Produktvideos, Messevideos, Sportaufzeichnungen, Kurzfilmen, Dokumentationen, Reportagen und vielen weiteren ist die Dispo sinnvoll. So siehst du immer wann z.B welches Interview ist, wann welcher Künstler auftritt, was du zuerst drehen solltest (wegen Sonnenstand), wann welcher Darsteller kann. Dadurch vermeidest du, dass Gesprächspartner auf dich warten müssen, du interessante Bilder und Attraktionen verpasst oder du eine Szene heute nicht mehr geschossen bekommst. Sogar bei Reisevideos machen Dispo zum Teil Sinn. Denn hier siehst du, wie viel Zeit du hast den Vulkan zum filmen um danach noch rechtzeitig zum Sonnenuntergang am Strand zu sein. 

 

Dispo brauchen Zeit, das ist klar. Aber sobald man Übung damit hat, dauert es nur ein paar Minuten, um die Vorlagen auszufüllen. Und die Vorteile sind dem Aufwand gegenüber mehr als überwiegend. 

 

 

Dispo-Vorlage.jpg

Zusätzlich dazu, möchte ich noch ein paar Sachen anmerken. Die ersten Dispo sind nicht ganz leicht zu schreiben, man macht Fehler und fängt von vorne an. Aber dafür werden diese Vorzüge Einzug erhalten:

  1. Du setzt dich intensiv mit deinem Projekt auseinander und lernst es so richtig kennen.
  2. Durch Planen und Organisieren verbessert du auch dein eigenes Zeitmanagement. Und das wirst du merken.
  3. Durch Dispositionen kannst du Drehtage retten, die eigentlich schon gekippt sind. Du siehst was wann gedreht wird und kannst alles so umändern, ohne etwas zu vergessen. 
  4. Die Dispo wird jeden Tag an die Crewmitglieder verschickt. Somit weiß jeder Bescheid, wann und wo Beginn der Dreharbeiten ist und was umgesetzt wird. 
  5. Durch eine anständige, genaue und punktuelle Planung steigt die Gruppenmoral innerhalb der Crew. Jeder macht seinen Job und es gibt selten böse Überraschungen. 
  6. Gute Planung und ein strukturierter Dreh bleiben im Kopf der Crewmitglieder. So sind diese gerne wieder bereit bei dir mitzuarbeiten oder um Jobs zu vermitteln. 
  7. Und natürlich das wichtigste: Jedem Film merkt man an, ob die Planung gut oder schlecht war. Und mit einer Dispo bist du auf einem sehr guten Weg. 

Alles in allem kann man den Artikel in einem Satz wiedergeben:

Wenn du Planung und die Dispo ehrst, leidest du am Set kein Schmerz. 

 

Und hier gibts die Dispositionen in zwei verschiedenen Varianten:

Die kleine Disposition findest du hier

Die große Disposition findest du hier.

 

Dieses Video wurde nur mit dem iPhone X gefilmt und es sieht unglaublich gut aus!

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